Wie sehen Ingenieure zeitgenössische Kunst?

Dieser Artikel erschien 2012. Die Tipps und Techniken können möglicherweise veraltet sein.

von Andrea Geicke (Gastbeitrag), , 0 Kommentare

Volker Wachenfeld, gebürtiger Nordhesse, diplomierter Elektroingenieur und Executive Vice President Off-Grid Solutions bei SMA im Gespräch über die dOCUMENTA (13).

Im Rahmen unseres Engagements haben wir uns für eine Kampagne unter dem Motto „Energie ≠ Kunst?“ entschieden. Wenn du aus deinem  Büro schaust, blickst du direkt auf eines unserer Plakate, die SMA im Rahmen dieser Kampagne in Kassel aufgehangen hat. Was war dein erster Gedanke, als du das erste Mal „Energie ≠ Kunst?“ gelesen hattest?
Volker Wachenfeld, Executive Vice President Off-Grid Solutions bei SMA

Volker Wachenfeld, Executive Vice President Off-Grid Solutions bei SMA

Ich fand es spannend, dass man das Motto, eigentlich ist es ja auch eher eine Frage, so einfach und klar mit einem Formelzeichen umgesetzt hat. Ein sehr technischer Zugang, wie kann man etwas mit zwei Wörtern schnell zum Ausdruck bringen und damit auch Interesse wecken.  „Energie (un)gleich Kunst?“  – dieses Wortspiel stellt alles in Frage und lässt aber auch gleichzeitig alles zu. Auf den ersten Blick ist die Antwort: entweder es ist so oder es ist nicht so. Das ist so aber zu einfach, es bewegt sich irgendwo dazwischen. Wenn Kunst wirklich begeistert, dann erzeugt sie auch Energie, z. B. im Kopf, in den Gedankengängen oder im Erkundungsdrang. Energie und ihre Formen sind aber gleichzeitig nicht zwangsläufig Kunst oder eine Form der Kunst. Es gibt somit ganz unterschiedliche Herangehensweisen und Schattierungen und das fand ich spannend.

Thomas Bayrles Motoren und Flugzeug in der documentahalle

Thomas Bayrles Motoren und Flugzeug in der documentahalle

Außerdem finde ich, dass die Kampagne gut zu den Ansätzen der diesjährigen documenta passt. Auf keiner dOCUMENTA zuvor war die Verschmelzung von Kunst und Technik bzw. das Betonen von technischen Aspekten in dieser Form ein so sichtbares Thema. Ein tolles Beispiel ist das Werk von Thomas Bayrles in der documenta-Halle, hier wird das Zusammenspiel von Technik und Kunst sehr deutlich. Insbesondere der rotierende Sternmotor war beeindruckend. Wenn man sich überlegt, wie viel „engineering“ in so einem Motor steckt und was für eine ästhetische Aussagekraft dieser hat.

 

Um einmal ein Vorurteil aufzugreifen:  Techniker oder Ingenieure verhalten sich gegenüber Kunst eher reserviert, in diesem Fall der weltgrößten Kunstausstellung dOCUMENTA. Hast du Tipps, die den Zugang zu diesem Ereignis erleichtern?

Der Zugang ist immer leichter, wenn man über die Gegenständlichkeit an das Thema heran tritt. Dinge, bei denen man keine Erklärung braucht und die sich dann doch erschließen. Wie eben der Sternmotor von Thomas Bayrles  – dieser hat mich fasziniert.  Technik als Kunstwerk.

Publikumsliebling: „Leaves of Grass“ von Geoffrey Farmer

Publikumsliebling: „Leaves of Grass“ von Geoffrey Farmer

Oder aber die 3-D-Collage von Geoffrey Farmer in der Neuen Galerie.  Bekannte Köpfe von Schauspielern und geschichtliche Ereignisse kann man hier genauso entdecken wie Sportevents und Produkte, die unser Leben prägen. Auch ohne Erklärung hat man Spaß sich dieses Kunstwerk anzuschauen. Das ist ein super schöner und zugleich einfacher Zugang zur dOCUMENTA-Kunst.

Oder man macht sich die Stadt als Zugang zur dOCUMENTA zu Eigen. Man schaut sich Kassel an und nutzt die dOCUMENTA-Kunstwerke als  Vehikel … der Bunker, die Karlsaue oder das Hotel Hessenland. Diesen Ansatz finde ich eigentlich sehr spannend. Für den Ingenieursgeist eher im Sinne eines Bauprojektes: was hat sich über die Zeit entwickelt  und verändert.

 

Eine sehr spannende Perspektive, und damit wären wir auch gleich beim nächsten Thema. Volker, du lebst seit Jahren in Kassel und bist auch gebürtiger Nordhesse, wie findest du die Integration der diesjährigen dOCUMENTA in das Stadtbild?

Man hat diese Integration schon immer versucht, aber da hatte man eher das Gefühl, es war angedockt. Dieses Jahr, ist es sehr gut gelungen. Es gibt die klassischen Hauptschauplätze, aber auch die Nebenschauplätze sind sehr attraktiv und erschließen sich schnell und einfach. Man muss nur den Besucherströmen folgen, z. B. in Richtung des Weinbergs, des Kulturbahnhofs, des Bali-Kinos oder der ganzen Gegend um die Friedrichstraße herum.

Karlsaue mit Guiseppe Penones Bronzebaum "Idee di Pietra"

Karlsaue mit Guiseppe Penones Bronzebaum „Idee di Pietra“

Und natürlich die Karlsaue, eine barocke Parkanlage… Kassels Schönheit. Eigentlich ja auch ein Ausdruck des Kunstverständnisses der damaligen Zeit; die Orangerie mit dem Marmorbad, die Kanäle und die geometrischen Parkaufteilung. Die Mischung aus alter und moderner Kunst macht neugierig und ist interessant zu gleich. Es macht Spaß durch den Park zu spazieren und die Kunst auf sich wirken zu lassen. Und ich bin halt Ingenieur, ich habe sicher nicht den gleichen Zugang zur Kunst wie vielleicht ein Geisteswissenschaftler, den manches klarer entgegen springt. Entweder bietet mir die Gegenständlichkeit des Kunstwerks oder polarisierende Kunstwerke einen Zugang oder nicht. Und auf den ersten Blick bietet die Aue davon einige.

 

Welches Kunstwerk hat dich denn als Kasselaner besonders angesprochen?
Skulpturen auf den Weinbergterassen von Adriàn Villar Roja

Skulpturen auf den Weinbergterassen von Adriàn Villar Roja

Das ist gar nicht so einfach. Mich interessieren die Themen, die die Stadt bewegen. Dass die Weinbergterassen integriert wurden, finde ich gut. Der Kasseler Weinberg war Jahrzehnte lang überwuchert von Unkraut, dann hat ein Verein mit viel Einsatz und Geduld die Weinbergsanierung angestoßen. Und zur diesjährigen dOCUMENTA präsentiert dort der Künstler Adriàn Villar Rojas seine Skulpturenschau „Return the world“. Terassen und ein verfallenes Gewächshaus erinnern an die frühere Nutzung des Weinbergs, ansonsten wirkt es eher trüb. Die Skulpturen wirken zerfallen, obwohl sie alle erst entstanden sind. Das Motto „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ wird hier ein wenig deutlich, für mich war der Eindruck des vergänglichen aber viel präsenter.

Oder aber die steinernen Bücher von Michael Rakowitz. Der Künstler hatte einige der im Bombenhagel von 1941 im Kasseler Fridericianum zerstörten Bücher nachmeißeln lassen. Die Steine stammen aus der afghanischen Provinz, wo die Taliban im Jahr 2001 in Felsen gehauene Buddha-Statuen sprengen ließen. Die Bücher entstanden somit aus Materialien, die schon einmal eingesetzt wurden. Vergänglichkeit, die in Kassel sichtbar gemacht wurde – in Form von Kunst, Religion, Geschichte.

 

… und unter dem Aspekt „Energie“?

Die Welle von Massimo Bartolini – Klasse!

 

Volker, vielen Dank für das Gespräch.

 

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