Energiewende auf dem Land: Entwicklungschance für Kommunen

Die Energiewende ist eine Zukunftschance für Kommunen und ländliche Regionen

Viele kleine Gemeinden in ländlichen Regionen verfügen über ein großes Energiewendepotenzial. Der Anteil erneuerbarer Energien kann weiter steigen, wenn die vorhandene Infrastruktur weiter ausgebaut und modernisiert wird. Ebenso können Abwärme und Abwasser einen größeren Beitrag zur Energieversorgung in Kommunen leisten.

Ähnlich wie in städtischen Quartieren ist auf dem Land eine Infrastruktur zur Daseinsvorsorge bereits vorhanden. Dazu zählen beispielsweise Strom-, Gas- und zum Teil auch Wärmenetze, eine Kanalisation, Gebäude und eine Verkehrsinfrastruktur. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und Investitionen in die kommunale Infrastruktur können lokale regenerative Energiereserven erschlossen und zur Erzeugung von grünem Strom oder Wärme/Kälte genutzt werden. Wind- und Solarenergie, Geothermie, Solarthermie, Biomasse, Abwärme- und Abwassernutzung tragen so zu einer dezentralen Energieversorgung in Kommunen bei, stärken die regionale Wirtschaft und unterstützen die Erreichung von Klimaschutzzielen in Kommunen.

Nutzung lokaler Energiepotenziale in ländlichen Gemeinden

Nach Berechnungen benötigt Deutschland bis 2030 rund 750 Terawattstunden grünen Strom, um sein Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen. Das bedeutet mehr als eine Verdopplung der bisherigen Menge erneuerbarer Energien innerhalb von wenigen Jahren. Dem beschleunigten Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen kommt hier eine besondere Rolle zu. Allein 215 Gigawatt neu zu installierender PV-Leistung wären bis 2030 nötig, um den Bedarf an Solarstrom zu decken. Doch wie ist das zu schaffen?

Bei der Suche nach geeigneten Flächen für den PV-Ausbau ergeben sich für ländliche Regionen attraktive Möglichkeiten. Denn Kommunen verfügen über eine Vielzahl unterschiedlicher Flächen. Dazu zählen Wohn- und Gewerbegebiete, landwirtschaftliche Flächen, öffentliche Grünflächen, Verkehrsflächen, Wald- und Naturschutzgebiete. Hinzu kommen zahlreiche Verwaltungsgebäude, wie Krankenhäuser, Rathäuser, Bürgerämter, Schulen und Kindertagesstätten, Polizeistationen und viele weitere Einrichtungen. Diese dienen der Erfüllung öffentlicher Aufgaben. Damit verfügen Kommunen auch über Gebäude- und Dachflächen, die sie für ihre künftige Energieversorgung nutzen können.

 

Kommunen in Deutschland

In Deutschland gibt es in den 16 Bundesländern rund 11.000 Kommunen. Diese unterteilen sich in Kreise, Städte und Gemeinden. Gemeinden bilden die kleinste politische Einheit einer Kommune. Als Gebietskörperschaft nehmen sie eigenständig wichtige staatliche Aufgaben wahr. Gemeinden geben sich mit der Gemeindeordnung eigene Verfassungen. Diese regeln, wie sie ihre kommunalen Aufgaben erfüllen. Gemeinderäte und Bürgermeister*innen treffen als gewählte Volksvertreter politische Entscheidungen, die direkten Einfluss auf das Leben der Bürger*innen einer Gemeinde haben.

Rolle der Gemeinden bei der Energiewende

Gemeinden mit ihren kommunalen Verwaltungen können somit eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der Energiewende in ländlichen Regionen in Deutschland übernehmen. Sie verfügen über hoheitliche Kompetenzen, sind an der Umsetzung von Gesetzen und Vorschriften beteiligt, können Förderprogramme auflegen, Informationen bereitstellen, Kooperationen anregen oder sich an Modellprojekten beteiligen. Oft beschäftigen sie Energie- und Klimaschutzmanager*innen, die sich in die Prozesse und Projekte einbringen, diese koordinieren oder Netzwerke organisieren.

Die Nähe zu Bürger*innen ermöglicht zudem eine frühzeitige Einbindung in die Prozesse und Mitgestaltung bei der Planung und Realisierung von Energiewendeprojekten. Eine direkte Beteiligung von Bürger*innen, Gemeindevertreter*innen, Flächenbesitzern und Unternehmen erhöht die Akzeptanz und kann helfen, möglichen Interessenkonflikten vorzubeugen.

Beispiel: Bürgerenergie

Erneuerbare Energiegemeinschaften und Bürgerenergiegemeinschaften

Kennzeichen einer Erneuerbaren Energiegemeinschaft ist die Bürgerbeteiligung an Energiewendeprojekten, bei denen es um die gemeinschaftliche Umsetzung von Maßnahmen zur erneuerbaren Energiegewinnung und -nutzung geht. Es kann verschiedene Bereiche, wie Strom, Wärme/Kühlen, Mobilität, Abwärmenutzung umfassen. Viele Erneuerbare Energiegemeinschaften in Deutschland haben jedoch PV- und Windenergieprojekte zum Zweck.

Erneuerbare Energiegemeinschaften sind auf lokale bzw. regionale Bereiche begrenzt und nutzen die Verteilnetze im Nahbereich oder der Mittelspannungsebene des Stromnetzes. Im Gegensatz dazu können Bürgerenergiegemeinschaften über den lokalen bzw. regionalen Bereich hinausgehen und damit auch die Übertragungsnetze beanspruchen. Hier ist die Teilnahme nicht auf einen räumlichen Bereich begrenzt.

Bürgerenergiegemeinschaften dienen dem Zweck, gemeinschaftlich Energie zu erzeugen, zu verbrauchen, zu speichern oder zu verkaufen. Ihr Fokus liegt auf dem Stromsektor.
Als Rechtsform von Bürgerenergiegemeinschaften kommen Vereine, Genossenschaften, Personengesellschaften, gemeinnützige Organisationen oder Unternehmensgesellschaften in Frage.

Für Energiegemeinschaften allgemein bestehen verschiedene Beteiligungsmöglichkeiten. So können Bürger*innen beispielsweise auch Miteigentümer einer Energiegemeinschaft werden, indem sie Genossenschaftsanteile erwerben. Sie können sich ebenso an der Initiierung und Planung an einzelnen Projekten beteiligen. Diese Beteiligungsoptionen stehen auch Kommunen bzw. kommunalen Einrichtungen sowie Unternehmen offen, mit dem Ziel einen aktiven gemeinschaftlichen Beitrag zur Energiewende zur leisten.

Beteiligungsmöglichkeiten an Bürgerenergiegemeinschaften

  1. Finanzielle Beteiligung
  2. Mitbestimmung und Entscheidungsfindung
  3. Initiierung eigener erneuerbarer Energieprojekte
  4. Informationsaustausch und Bildungsaktivitäten zu erneuerbaren Energien und der Energiewende

Kommunale Player der Energiewende

Energiewendeprojekte sind komplexe Vorhaben. Sie benötigen entsprechenden Vorlauf, eine strategische Vorgehensweise und kommunikatives Geschick. Bevor konkrete Schritte geplant werden können, braucht es eine klare Definition der Zielsetzung. Zudem sind relevante Stakeholder frühzeitig einzubeziehen. Dazu gehören in Gemeinden die Kommunalverwaltungen und ihre einzelnen Bereiche, wie Tiefbau, Hochbau, Klima- und Umweltschutz, Denkmalschutz, Grünflächen, Liegenschaften, Forst, Verkehrsmanagement und Kämmerei. Ebenso einzubeziehen sind Lokalpolitiker*innen und politische Gremien wie der Gemeinderat. Sie erteilen beispielsweise Genehmigungen oder ebnen den Weg zu finanziellen Beteiligungen und Fördermitteln.

Ebenso sind die kommunalen Versorgungsunternehmen, allen voran Stadtwerke, aber auch Wasserversorger und der Wohnungsbau bei der Planung von Energiewendeprojekten gefragt. Netzbetreiber und weitere Energieversorger spielen ebenfalls eine zentrale Rolle.
Über Energiegemeinschaften oder Bürgerinitiativen bringt sich die Bevölkerung von Gemeinden aktiv ein. Umweltverbände, Schulen und Bildungseinrichtungen leisten Aufklärungsarbeit und vermitteln Wissen zu den Themen Nachhaltigkeit und Energiewende. Lokale Unternehmen und Handwerksbetriebe können Teil der Lieferkette und damit Wertschöpfung sein.

Worauf achten bei der Planung von Energiewendeprojekten

Um einen Projektplan für ein Energiewendeprojekt zu erstellen, muss zunächst einiges an Vorarbeit geleistet werden. Folgende Schritte helfen bei der Entwicklung eines Energiewendeprojektes:

  1. Ziele genau definieren, was mit dem Energiewendeprojekt erreicht werden soll
  2. Ist-Stand der lokalen Energieversorgung ermitteln z.B. mit Hilfe einer SWOT-Analyse (Stärken/Schwächen – Chancen/Risiken)
  3. Rechtliche Rahmenbedingungen und Förderlandschaft prüfen
  4. Relevante Anspruchsgruppen identifizieren und Netzwerke zur Unterstützung der Projekte aufbauen (Stakeholder-Management)
  5. Geeignete Technologie auswählen und auf Eignung prüfen
  6. Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchführen
  7. Finanzierungsbedarf ermitteln und Investitionsmöglichkeiten checken
  8. Risiken einschätzen und mittels Risikoanalyse bewerten
  9. Projektplan mit den Aktivitäten, Fristen, Verantwortlichen und Zuständigkeiten erstellen

Fünf Gründe für die lokale Energiewende

Energieautonomie erreichen

Um die lokalen erneuerbaren Energiequellen zu nutzen, ist eine strukturelle Umgestaltung der Strom- und Wärmeversorgung nötig. Das erfordert zunächst eine hohe Investitionsbereitschaft, bringt den Gemeinden jedoch eine zukunftsfähige Energieversorgung und erhöht zugleich ihre Energieautonomie.

PV-Strom und Wärme kombinieren

Gemeinden können ihren grünen Strom auch für die Wärmeversorgung verwenden. Über Wärmenetze, Wärmepumpen, Pufferspeichern, grüner Kraft-Wärme-Kopplung oder Geothermie kann die lokal erzeugte erneuerbare Energie auch zur Wärme-, Kälte- und Warmwasserversorgung genutzt werden. Das kommt ebenso kommunalen Liegenschaften wie Rathäusern, Gemeindezentren, Schulen, Kindertagesstätten oder Krankenhäusern zugute. Auch die Abwärme aus Industrie und Gewerbe sowie die Restwärme aus Kläranlagen ist für eine regenerative Wärmeversorgung geeignet und vermeidet CO2-Emissionen.

Klimafreundliches Laden für E-Mobilität ermöglichen

Kommunen können Strom aus den Erneuerbaren Energieanlagen zum Laden von Elektrofahrzeugen nutzen. Dies unterstützt die Verkehrswende im ländlichen Raum und verringert Emissionen. Beispielsweise können PV-Anlagen auf den Dächern kommunaler Gebäude oder Liegenschaften Strom zum Laden von elektrischen Dienstwagen ihrer Mitarbeiter*innen, elektrisch betriebenen ÖPNV-Fahrzeugen oder Nutzfahrzeugen bereitstellen.

Energiespeicher für 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung

Um die Energieversorgung mit erneuerbaren Energiequellen wirtschaftlich zu gestalten, sind Energiespeicher wichtig. Sie speichern Energieüberschüsse, gleichen Schwankungen aus und können kurzfristige Flauten in der erneuerbaren Stromproduktion überbrücken. Sie können ebenfalls Teil eines kommunalen Energieprojekts sein.

CO2-Emissionen reduzieren

Kommunen können mit einem ganzheitlichen Ansatz unter Einbindung ihrer kommunalen Unternehmen, weiteren regionalen Akteuren und Bürger*innen den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben. Gleichzeitig können sie damit wichtige Modernisierungen ihrer Infrastrukturen angehen, die sich positiv auf ihre Emissionsbilanz und die Reduktion ihrer CO2-Emissionen auswirken.

 

Erfolgsbeispiele für die kommunale Energiewende

Solarpark Bundorf

Bürgersolarpark Bundorf
Die Gemeinde Bundorf im bayerischen Unterfranken hat im September 2023 auf einer Fläche von 125 Hektar ein 125 Megawatt PV-Park in Betrieb genommen. Damit ist einer der bislang größten Bürgersolarparks Deutschlands ans Netz gegangen. Die Bürger*innen Bundorfs konnten sich von Anfang an mit einbringen. Eine finanzielle Beteiligung erfolgt über den Erwerb von Genossenschaftsanteilen der EGIS eG, die bundesweit Energiewendeprojekte realisiert. Da das Projekt Bundorf einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, wurde ein lokales Wärmenetz sowie auch Ladesäulen für Elektromobilität installiert.

Wolfhagener Bürgersolarpark
Zu den Pionieren in Sachen kommunale Energiewende in Bürgerhand gehört die Gemeinde Wolfhagen in Hessen. 2009 initiierte die BLG Project GmbH mit dem zwei Megawatt starken Bürgersolarpark Wolfhagen ihr erstes Großprojekt. Die 450 Anteile der BürgerEnergieGenossenschaft Wolfhagen eG waren damals innerhalb weniger Minuten verkauft. „Ab dem Moment wussten wir, dass wir genau das Richtige tun“, erinnert sich BLG-Geschäftsführer Christoph Lübcke und initiierte weitere MW-Projekte in der Gemeinde. 2012 entstand beispielsweise der 10-MW-Park im Wolfhagener Land zwischen Wolfhagen und Gasterfeld damals einer der größten Solarparks in Hessen, und je zur Hälfte von Bürgern und den Stadtwerken Wolfhagen betrieben. Zum Energiewendekonzept der Gemeinde zählen auch Windparks und Biomassekraftwerke.

Fazit

Die lokale Energiewende bietet Kommunen Entwicklungsmöglichkeiten. Sie kann die regionale Wertschöpfung und Wirtschaft stärken und Innovationstreiber sowie Jobmotor im ländlichen Raum sein. Beteiligungsmöglichkeiten wie Energiegemeinschaften erhöhen die Akzeptanz, Transparenz und Mitbestimmung für Energiewendeprojekte. Auch weiche Faktoren sind nicht zu unterschätzen. Die Energiewende in Bürgerhand kann sich positiv auf den Gemeinschaftssinn auswirken und so den Zusammenhalt stärken.

2 Kommentare
  1. Alfred Sprich
    Alfred Sprich sagte:

    Ich warte immer noch auf das Bidirektionale Laden
    ich habe alles was man braucht dafür
    E-Auto PV Speicher Wallbox
    Warum bekommt das SMA nicht hin was andere können
    Können Sie mir bitte sagen bis wann das funktioniert
    Danke für die Mühe
    Sprich Alfred

    Antworten
    • Christiane Keim
      Christiane Keim sagte:

      Hallo Herr Sprich,

      über neue Entwicklungen oder Updates werden wir zeitnah informieren.
      Vielen Dank für Ihr Verständnis.

      Beste Grüße
      C. Keim

      Antworten
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