Solarparks statt „Blackout“

Dieser Artikel erschien 2012. Die Tipps und Techniken können möglicherweise veraltet sein.

Wie hat Norbert Röttgen im Januar angemerkt: „Je größer die Solarleistung, desto größer ist auch die Netzbelastung.“ Immer wieder taucht dieses Vorurteil in der aktuellen Berichterstattung auf – dabei ist es schlicht falsch. Es wird in der Regel immer dann aufgegriffen, wenn man mit der Kostendebatte nicht mehr weiterkommt. So wie jetzt. Richtig ist, dass Solarstrom das Netz nicht be-, sondern entlastet. Deshalb sollte die Photovoltaik nicht ausgebremst, sondern ausgebaut werden.

 

Große Freiflächenanlagen fallen, wenn es nach Rösler und Röttgen geht, bekanntlich mit den aktuellen Kürzungsvorschlägen komplett aus der Förderung heraus. Mit ihrem Ausbau würde das Netz über Gebühr belastet, so die Minister. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Denn die Photovoltaik speist dezentral in das Verteilnetz ein, etwa 80 Prozent der Leistung ins Niederspannungsnetz und knapp 20 Prozent in das Mittelspannungsnetz. Was heißt das in Bezug auf die Netzintegration von Solarstrom?

 

Vier Irrtümer über Solarstrom richtig gestellt

 

1. Keine „Blackouts“ zu befürchten: Es gibt heute schon umfassende Regeln zur Stabilisierung des Mittelspannungsnetzes

Große Photovoltaikanlagen werden üblicherweise an das Mittelspannungsnetz angeschlossen. Die dafür gültigen Regelwerke verlangen schon seit langem, dass die Photovoltaikanlagen sich an der Stabilisierung der Stromnetze beteiligen. Dafür gibt es Regelmechanismen, sogenannte Systemdienstleistungen. Dazu gehören Spannungs- und Frequenzstabilisierung, Blindleistungsbereitstellung durch den Wechselrichter und netzstabilisierende Energielieferung im Kurzschlussfall. Damit sind im Fall des Mittelspannungsnetzes keine Probleme wie Blackouts durch Netzüberlastung zu befürchten – auch nicht bei einem steigenden Anteil von Solarstrom.

 
2. Keine zusätzlichen Stromtrassen: Solarstrom wird in direkter Nähe zum Verbraucher erzeugt

Und das Niederspannungsnetz? Es ist vor allem in dicht besiedelten Gebieten stabil und gut ausgebaut; ein weiterer Netzausbau wäre, wenn überhaupt, lediglich in ländlichen Bereichen notwendig. Auch die Spannungsqualität im Übertragungsnetz hat sich durch den bisherigen Zubau von Solartstromanlagen nicht nennenswert verschlechtert. Ein großflächiger Transport der Energie z. B. zwischen Nord- und Süddeutschland ist aufgrund der dezentralen, verbrauchernahen Stromerzeugung mit Photovoltaik gar nicht nötig. Das heißt, dass ein Netzausbau, soweit überhaupt notwendig, fast vollständig im Verteilnetz stattfinden würde. Auch Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung – wie sie beim Ausbau der Übertragungsnetze, also der großen Stromtrassen, wahrscheinlich wären – sind nicht zu erwarten. Denn es geht wesentlich um die zusätzliche Verkabelung entlang schon längst bestehender Trassen.

 
3. Keine unsichere Versorgung: innovative Technologien sorgen für eine planbare und sichere Stromversorgung

Ein weiteres hartnäckiges Vorurteil besteht in der Annahme, dass die hohe Fluktuation bei der Erzeugung von Solar- und Windstrom nicht in den Griff zu bekommen sei. Stark vereinfacht gesagt: entweder ist zu wenig oder zu viel Energie im Netz, die Versorgung sei somit schwankend und unsicher. Tatsächlich aber gibt es schon heute innovative Technologien, die zum Beispiel die Verbraucher im Haus intelligent steuern können. Es werden auch schon Wetterprognosen und sogar variable Stromtarife als Parameter einbezogen. In nicht allzu ferner Zukunft würde also beispielsweise automatisch die Waschmaschine eingeschaltet, wenn der Strom an der Strombörse am günstigsten ist. Durch den Eigenverbrauch wird das Netz entlastet, die günstigen Tarife bescheren dem Betreiber der Solaranlage zudem geringere Kosten. Nimmt man Systeme zur Zwischenspeicherung von Solarstrom hinzu, können auch die Zeiten ausgeglichen werden, in denen weder die Sonne scheint, noch der Wind weht.

 
4. Keine Preissteigerung durch Solarstrom: PV deckt teuren Spitzenlaststrom und wirkt kostendämpfend

Zudem korreliert gerade Solarstrom hervorragend mit den Verbrauchsspitzen im Netz – vor allem zur Deckung der Spitzenlast um die Mittagszeit ist Solarstrom hervorragend geeignet. Gerade diese Eigenschaft allerdings ruft bei den großen Energieversorgern nachvollziehbaren Widerstand hervor. Warum? Weil die Photovoltaik ihre Geschäftsgrundlage bedroht. Bereits 2011 konnten Solaranlagen vor allem im Frühjahr und Sommer tagsüber einen Großteil der Spitzenlast decken. Damit haben sie teure konventionelle Spitzenlastkraftwerke verdrängt und die Preise an der Strombörse gesenkt.
Warum, könnte man sich nun fragen, investieren die großen Energiekonzerne nicht selbst viel stärker in den Einsatz erneuerbarer Energien? Wahrscheinlich, weil es für die Integration der bekanntlich schlecht regelbaren konventionellen Kraftwerke noch keine akzeptable Lösung gibt. Aber es nützt ja nichts: Wenn die großen Energieversorger ihre Geschäftsmodelle nicht anpassen, verpassen sie den Weg in die „neue“ Energiewirtschaft.

 
Die Förderkürzungen werden den Durchbruch von Solarstrom nicht stoppen…

Kurzum: Die aktuellen Absenkungspläne der Solarförderung werden den Ausbau der Photovoltaik erheblich bremsen und die Energiewende verzögern. Komplett zu stoppen ist der endgültige Durchbruch der Solarenergie aber sicherlich nicht mehr. Denn die Preise für eine Solarstromanlage sind seit 2006 um fast 60 (!) Prozent gesunken – und werden nicht zuletzt durch technologische Innovationen weiter fallen. In nicht allzu ferner Zukunft werden die Menschen einen wesentlichen Teil ihres Stroms selbst erzeugen. Wer in eine Solaranlage mit integriertem Batteriespeicher investiert, kann damit schon in einigen Jahren günstiger fahren als wenn er den Strom aus der Steckdose beziehen würde. Diese Demokratisierung der Energieversorgung würde nicht zuletzt auch die hohe Akzeptanz widerspiegeln, die Solarstrom in der Gesellschaft hat, zum Beispiel durch die Beteiligung der Bevölkerung an Solarparks.

 
… – aber Arbeitsplätze vernichten und den Technologievorsprung Deutschlands gefährden

Letztlich umso tragischer, dass nun die Existenz zigtausender Fachhandwerksbetriebe auf dem Spiel steht und Millionenverluste im Großanlagenbereich drohen. Zudem behindern die jetzigen drastischen Förderkürzungen eine Entwicklung, die durch eine weltweite Vorreiterrolle Deutschlands nicht nur weitere qualifizierte Arbeitsplätze im Land schaffen, sondern auch das Erreichen der deutschen Klimaschutzziele sicherstellen würde. Dass so etwas nicht zum Nulltarif zu haben ist, ist klar. Aber das waren und sind die fossilen Energieträger ja auch nicht. Die asiatischen Hersteller jedenfalls stehen bereits in den Startlöchern – und sind wahrscheinlich die einzigen Akteure in diesem Spiel, die von der überstürzten Förderkürzung tatsächlich profitieren.

6 Kommentare
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    Markus sagte:

    Frau Jasper hat völlig Recht,

    Das Problem mit der Förderungskürzung kommt auch bei uns in Italien zum Zug.
    Wir hier in Südtirol haben bereits rießen Probleme da die Stromanbieter sagen das ihre Trafos zu klein werden und wir hier in einigen Landesteilen gar keine Anlagen mehr bauen dürfen.

    Hoffen wir mal das beste für unsere Solarindustrie

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  2. Avatar
    Wolfgang Bengfort | Elektrotechnik Tutorials sagte:

    Es wäre sehr schade, wenn wir mal wieder einer Technolgie zu Grabe tragen, die wir in Deutschland quasi groß gemacht haben.
    Wehalb ich aber eigentlich kommentiere: Ich musste gerade über ihre Bio schunzeln, Frau Jasper.
    Hoffentlich lesen Ihre Eltern, und vor allem Ihre Kollegen, hier nicht mit. 😉

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    Niels Berger sagte:

    Der erste Punkt (1.) von oben) wird auch sehr gut von der neuen Photovoltaik (siehe http://www.photovoltaik.eu/heftarchiv/artikel/beitrag/nachtarbeit-mglich-_100007283/423/)
    Häufig ist auch der sog Blindstrom (z.B. induktiv beim Anfahren von gr. elektr Maschienen) BISHER dafür verantwortlich, dass von großen zentralen Kraftwerken teure Wirkleistung in das ‚große‘ Netz über weite Strecken eingespeist werden muss, damit vor Ort der Blindstrom-Bedarf die Spannung/Frequenz nicht davonlaufen.

    Selbst die BNetA klagt Röttgen & Co an, dass diese ganz missachten, dass große PV-Anlagen (z.B. 10 MW) an zentralen Mittelspannungs (MS)-Knoten tags _und_ nachts diese Blindleistungs-Bereitstellung intelligent lösen können und damit dazu beitragen, dass WENIGER Stromnetze nötig werden … also wenn man den PV-Ausbau nun schnell genug intelligent weiter treibt, braucht man gar nicht so viele Netz-Erweiterungen, die immer noch als Argument herhalten müssen, den PV-Ausbau zu drosseln … das Gegenteil ist möglich!

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    Günter Faßbender sagte:

    Durch die Eigenverbrauchsregelung verbrauche ich 1/3 meines Stroms selber und entlaste das Netz um diesen Wert, die anderen 2/3 werden sicher in der Nachbarschaft verbraucht und benötigen auch keine neue Trasse!

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