Arbeiten bis der Arzt kommt? 

Wie schaffen es Arbeitnehmer*innen gesund in die Rente? Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und einer immer älteren Gesellschaft gehen Firmen stärker auf die individuellen Bedürfnisse von Beschäftigten ein. Christine Kirchner, SMA Gesundheitsmanagerin und Markus Hülfenhaus, Produktionsleiter am Standort in Niestetal, erzählen im Interview, was SMA unternimmt, um ein gesundes Arbeitsumfeld zu schaffen. Und wie lange sie selbst arbeiten wollen. 

Wenn ihr es euch aussuchen könntet, wie lange würdet ihr arbeiten?

„Wir müssen alle an einer Gesellschaft mitarbeiten, die jede*n integriert und diejenigen auffängt, die nicht länger wie gewohnt dazu beitragen können.“ Christine Kirchner, Gesundheitsmanagerin bei SMA

Christine Kirchner: Ich befinde mich in der ersten Hälfte meines Arbeitslebens. Gerne möchte ich arbeiten, solange ich Spaß habe und meine Fähigkeiten sinnvoll in den Arbeitsprozess einbringen kann. Als Gesundheitsmanagerin bei SMA beschäftigt mich die Debatte um ein steigendes Renteneintrittsalter. Denn damit wächst die Bedeutung von Gesundheit am Arbeitsplatz bzw. einer alternsgerechten Arbeitsplatzgestaltung.  Für dieses Thema ist keine pauschale, sondern eine individuelle Betrachtung der physischen, kognitiven und mentalen Voraussetzungen sowie motivationaler Aspekte wichtig. Eine gute Maßnahme ist daher das Altersteilzeitprogramm von SMA für Mitarbeitende, die hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt sind oder individuell gesundheitlich eingeschränkt sind.

Markus Hülfenhaus: Ich habe mir dazu noch nicht so viele Gedanken gemacht, obwohl ich schon deutlich mehr als die Hälfte meines Arbeitslebens absolviert habe. Zu gegebener Zeit muss man sich sicherlich intensiver mit dem Thema Altersteilzeit beschäftigen, um auch mit höherem Alter noch eine Vereinbarkeit zwischen beruflichen und privaten Belangen hinzubekommen. Dieser Zeitpunkt ist bei mir allerdings noch nicht erreicht. Ich würde mein Wissen und meine Erfahrungen gerne möglichst lange dem Unternehmen zur Verfügung stellen.

Was sind die häufigsten Erkrankungen von Arbeitnehmer*innen und wie hat sich das im Vergleich zu vor 20 Jahren verändert?

Markus Hülfenhaus: Im produktiven Bereich kommen Muskel-Skelett-Erkrankungen häufig vor, in den administrativen Bereichen auch immer wieder psychische Erkrankungen.

Christine Kirchner: In den letzten zehn Jahren sind die durchschnittlichen Fehltage pro erwerbstätige Person in den Gesundheitsreports der Krankenkassen deutlich angestiegen. Ein Thema, das auch im Fehlzeitenmanagement bei SMA eine Rolle spielt. Ein Grund: bis Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre sind psychische Erkrankungen als Ursache für Krankheitstage in der Statistik nicht berücksichtigt worden.

Bei SMA blicken wir im Gesundheitsmanagement auch auf die psychischen Belastungen der Präsenzmitarbeiter*innen. Beispiel Corona-Pandemie: Die Kolleg*innen konnten nicht wie im administrativen Bereich auf mobiles Arbeiten umstellen und waren damit einem potenziell erhöhten Infektionsrisiko am Arbeitsplatz ausgesetzt. Das zeigt auch ein Blick in die Fehlzeiten. Maßgeblich waren 2021 neben Muskel- und Skeletterkrankungen Erkrankungen des Atmungssystems.

Was braucht es, um bis zur Rente gesund am Arbeitsleben teilzuhaben?

„Auch wenn Kolleg*innen nicht mehr so arbeiten können, wie sie es bisher getan haben, verfügen sie immer noch über enormes Wissen und Erfahrung, auf das Unternehmen nicht verzichten können.“ Markus Hülfenhaus, Leiter der Produktion.

Markus Hülfenhaus: Wie benötigen Arbeitsplätze an denen die Mitarbeitenden ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Arbeitskraft bestmöglich einbringen können. Dazu gehört auch, dass wir Mitarbeitenden mit Leistungseinschränkungen diese Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Hier ist SMA schon seit vielen Jahren sehr aktiv. Wir haben unterschiedlichste Arbeitszeitmodelle im Einsatz, die auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingehen. Auch Job-Sharing wird bereits in den Produktions- und Logistikbereichen praktiziert.

Christine Kirchner: Eine Patenlösung gibt es noch nicht. Unter anderem deshalb, weil über den beruflichen Kontext hinaus betrachtet werden muss, welche Faktoren dafür eine Rolle spielen. Eine gute Grundlage bildet die Verhaltens- und Verhältnisprävention am Arbeitsplatz begleitet von der individuellen und bedarfsgerechten Betrachtung. Dabei sind alle diejenigen beteiligt, die sich im Unternehmen mit Gesundheitsfragen beschäftigen.

Neben den grundlegenden Maßnahmen zur Minimierung der Belastungen am Arbeitsplatz und zur Unterstützung des individuellen Gesundheitszustandes von Mitarbeitenden spielen die Unternehmens- und Führungskultur sowie Partizipation und Selbstverantwortung eine entscheidende Rolle.

Was unternimmt SMA?

Markus Hülfenhaus: Der demografischen Wandel betrifft natürlich auch SMA. Seit vielen Jahren beschäftigt sich das Unternehmen damit, bestmögliche Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende zu schaffen. Wir investieren auch intensiv in die alters- und alternsgerechte Ausstattung der Arbeitsplätze. Es finden Ergonomie-Bewertungen statt, um Arbeitssituationen möglichst gut einzuschätzen. SMA führt in den produktiven Bereichen tägliche Stimmungsabfragen durch. Daraus werden gegebenenfalls auch kurzfristig notwendige Korrekturmaßnahmen abgeleitet

Aktive Pause bei SMA.

Christine Kirchner: Das nachhaltige Ergonomiemanagement von SMA wurde 2014 ins Leben gerufen und ist fest im Produktentstehungsprozess verankert. Die Grundlage bilden Ergonomiebewertungen mittels EAWS (Ergonomic Assessment Work Sheet). Ziel ist es, bis 2025 alle Arbeitsplätze in Produktion und Logistik mit diesem Verfahren zu bewerten, um eine Quote von 70 % alter(ns)gerechter Arbeitsplätze zu erreichen. Die systematische Erfassung der konkreten Arbeitsplatzanforderung ist neben der Berücksichtigung individueller Fähigkeiten ein entscheidender Baustein für den fähigkeitsgerechten Personaleinsatz. Jener wird derzeit im Projekt der fähigkeitsdifferenzierten gesundheitsgerechten Schichtplanung bei SMA erprobt.

Jobrotation, physiotherapeutische Maßnahmen und das Angebot der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation ergänzen das Portfolio. Mit konkreten Angeboten wie dem Altersteilzeitprogramm, der freiwilligen Wochenstundenreduzierung oder dem Lebensarbeitszeitkonto macht SMA Angebote im Sinne einer demografiebewussten Personalführung.

Wie kann Künstliche Intelligenz unterstützen?

Christine Kirchner: Wir machen mit eingesetzten Robotern schon einen ersten wesentlichen Schritt bei der Interaktion von Mensch-Maschine-Systemen. Des Weiteren planen wir die Umsetzung der „gesundheitsgerechten Schichtplanung“, um die Einsatzmöglichkeiten leistungsgewandelter Mitarbeiter*innen bestmöglich automatisiert zu berücksichtigen. Es handelt sich dabei aber momentan eher noch um systemische Unterstützung als um KI.

Stichwort „Leistungsgewandelte“: Könnt ihr kurz erklären, was man darunter versteht und habt ihr ein konkretes Beispiel, wie ihr eine*r Kolleg*in helfen konntet?

Christine Kirchner: Als leistungsgewandelt werden Beschäftigte bezeichnet, die aus gesundheitlichen Gründen das Anforderungsprofil ihres bisherigen Arbeitsplatzes nicht mehr erfüllen können. Konkret unterstützen wir Kolleg*innen in Produktion und Logistik. Durch die Ergonomie Bewertung sind die Anforderungen des Arbeitsplatzes klar festgehalten und die betroffenen Personen werden entsprechend ihrer Fähigkeiten an einem passenden Arbeitsplatz eingesetzt. So ist eine leistungs- und altersgerechte und gleichzeitig wertschöpfende Integration in ein flexibles Produktionsteam möglich.

Ich erinnere mich an eine Erfolgsgeschichte während meiner Einarbeitung. Mein Vorgänger Ernst Kaiser konnte gemeinsam mit der Führungskraft einer betroffenen Kollegin helfen. Durch den Umzug an einen „persönlichkeitsgerechten“ Arbeitsplatz, blieb ihr ein unattraktiver, unflexibler „Schonarbeitsplatz“ erspart. Davon profitierte sowohl die betroffene Kollegin als auch SMA.

Markus Hülfenhaus: Ich kenne einige Beispiele, wo durch entsprechende Arbeitsplatzbewertungen von Fachexperten Mitarbeitenden ein neuer, ihren Einschränkungen entsprechender Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt werden konnte.

Warum ist es wichtig, Menschen egal welchen Alters, welcher körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung zu beschäftigen?  

Christine Kirchner: Für ein global und werteorientiert agierendes Unternehmen wie SMA ist die Beschäftigung von Menschen egal welchen Alters, welcher körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur vor dem Hintergrund des fortschreitenden Fachkräftemangels und der alternden Bevölkerung ist erforderlich, dass Arbeitgeber die individuellen Stärken jedes Einzelnen betrachten und in das Unternehmen integrieren. Neben sozialer Gerechtigkeit hilft Integration, Potenziale von Menschen zu entfalten. Das Erfahrungswissen eines Mitarbeitenden mit langer Berufserfahrung und/oder Betriebszugehörigkeit ist eine wichtige Ressource für jedes Unternehmen.

Mir persönlich ist ungeheuer wichtig, dass wir alle an einer Gesellschaft mitarbeiten, die alle integriert und diejenigen auffängt, die nicht länger wie gewohnt dazu beitragen können.

Markus Hülfenhaus: Dem was Christine gesagt hat, stimme ich vollkommen zu. Ich möchte nur noch ergänzen, dass auch wenn Kolleg*innen nicht mehr so arbeiten können, wie sie es bisher getan haben, immer noch über ein enormes Wissen und Erfahrung verfügen, auf das Unternehmen nicht verzichten können. Stichwort Fachkräftemangel.

Vielen Dank, Christine und Markus für das Interview.

 

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