Mein erstes Mal. Bericht einer Barcamperin

Dieser Artikel erschien 2012. Die Tipps und Techniken können möglicherweise veraltet sein.

Karlsruhe Hauptbahnhof: Ich frage nach der Haltestelle „Hirtenweg/Technologiepark“. Die Frau am Infoschalter muss ihre Kollegin fragen, wo die ist und wie man dort hinkommt. Na, das fängt ja gut an. Mein erstes Barcamp und ich steh hier und fühle mich schon verloren. Wie das wohl werden wird? Kein Programmpunkt steht fest, man soll total offen sein, sich einbringen und die Teilnehmer sind wahrscheinlich zu 90 % männliche ITler (um nicht zu sagen Nerds).

An der mir empfohlenen Haltestelle spricht mich eine junge Frau an: „Du willst doch bestimmt zum Barcamp, oder?“ Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich muss den Weg nicht alleine bestreiten – und es ist eine Frau. Und sie sieht sehr nett aus.

Am Tagungsort – oder wie bezeichnet man den Ort des Geschehens überhaupt – angekommen gibt es erst mal Frühstück. Speisen und Getränke sind im Folgenden kostenlos und werden über die Sponsoren abgedeckt. Relativ pünktlich fängt die Sessionplanung an. Aber vorweg wird evaluiert, wer aus über 500 km Entfernung angereist ist und wer heute Geburtstag hat. Dani, dem Geburtstagskind, wird ein Ständchen gesungen. So viel Zeit muss sein.

 

Regel #1: Es wird geduzt!

Ein Mann und eine Frau übernehmen die Moderation. Er, Typ Geek mit Karohemd und schwarzer Brille, sie, Kopftuch, asiatisches Aussehen, amerikanischer Akzent und Baby vor dem Bauch geschnallt. Eine sympathische Mischung. Dann zu den Regeln: Siezen ist verboten! Müll räumt jeder selbst weg, auch wenn er nicht von sich stammt. Die Qualität der Veranstaltung liege  in unseren Händen. Und: „Twittert! Shared! Bloggt! Schreibt Wikis oder schießt Fotos!“ So der Aufruf. Bei der Dichte an Laptops, iPads und Smartphones aber wahrscheinlich überflüssig zu  erwähnen.

Dann Vorstellungsrunde: Die Aufgabe: „Stellt euch euren Umstehenden, die ihr noch nicht kennt, vor.“ 3 Minuten Zeit. Ich schaffe gerade mal 3 Personen. Piep, Zeit um. Naja, für den Anfang OK. Und hat auch nicht wehgetan.

 

Teilnehmer Barcamp

Kurzweilige Sessionplanung im Plenum

Basisdemokratisch, aber erstaunlich diszipliniert

Jetzt wird’s spannend: Sessionplanung. Alle, die eine Session leiten wollen, sollen einen gelben Zettel ausfüllen und nach vorne kommen. Kommen genug zusammen? Wie lange wird das jetzt dauern? Ich erinnere mich an die basisdemokratischen Kongresse von Attac. Da konnte so eine Abstimmung schon mal in die Länge ziehen…

Gefühlte 50 Personen, darunter etwa 10 Frauen, reihen sich ein und stellen in einem Satz ihr Vorhaben vor und fragen, wen das interessieren würde. Bei Workshops wie „Bash Microsoft“ (der Sessionleiter selbst ist  von Microsoft und will sich tatsächlich dem Linux- Mob stellen) schnellen die Arme in die Höhe. Aber auch Vorschläge zu „Pinterest“, „Wie hacke ich mich mit einem USB-Stick in ein Firmennetzwerk?“, „Getting Things done“ oder „Wie finde ich zu mir selbst?“, werden gut angenommen. Die Themen sind schon sehr Web- und Entwicklerlastig, aber ich finde in jeder Sessionphase was Interessantes für mich. Das Procedere geht erstaunlich schnell und um Punkt 11 geht die erste Session los.

Jede Session dauert 45 Minuten und wird per Eieruhr gestoppt. Ist die Zeit rum, piepst es. Dann gibt es 15 Minuten Pause, Zeit zum Kaffee, Tee oder Eis (irgendwer hat eine Gefriertruhe „Ben und Jerries“ gespendet) zu holen. Die Räume sind nach den Sponsoren benannt: „Freiarbeiter“, „Gameforge“ oder „KIT“ heißen sie.

 

Timetabler

Analog gesammelt und digital in den Timetabler übertragen: Auswahl einiger Sessions

„Die 10 größten Irrtümer über Hunde“

Ich kann jeden ansprechen, in den Pausen ein Thema mit Wildfremden weiterdiskutieren, Fragen stellen. Alle sind sehr freundlich und überall hört man, „Schreib mir ruhig eine E-Mail (hört, hört! E-Mails werden anscheinend doch noch verschickt), wenn du noch Fragen hast.“  Auch der Sonntag, der regnerisch und mit zunächst viel weniger Teilnehmern startet, wird noch mal richtig spannend.

Als es zur Sessionplanung kommt, finden sich auch hier wieder viele Leute, die ihr Wissen teilen wollen, und der Raum füllt sich. Themen wie: „Abnehmen leicht gemacht“, „10 größte Irrtümer über Hunde“, aber auch: „Marketing für iPhone Apps“, „Tipps für Bloganfänger“ oder  „Social Project Management“ werden angeboten. Mittags gibt es „Live-Cooking“ in riesigen Pfannen. Und dann kommt auch die Sonne wieder raus. Leider müssen wir schon fahren…

 

Was habe ich gelernt?
  • Wie ich scribbele
  • Wie ich noch bessere Blogs schreibe
  • Wie ich Denkcasino spiele und so auf neue Ideen komme
  • Was ich beachten muss, wenn ich selbst ein Barcamp organisieren will
  • Was genau Pinterest ist
  • Dass Menschen aus (eigentlich konkurrierenden) Unternehmen sich gegenseitig helfen
  • Dass ITler total offen sind!
  • Dass 45 Minuten absolut ausreichend sind, um ein Thema anzureißen
  • Dass ich auf kein anderes Weiterbildungsformat mehr fahre und alle meine Kollegen infizieren werde

 

Angesteckt?

Falls ich euch neugierig gemacht habe: Verpasst auf keinen Fall das Barcamp Renewables am 1. und 2. September in Kassel. Hier auch die Liste zu allen anderen Barcamps. Es gibt für jeden Geschmack etwas: Technologie Barcamps, Grill Camps, Creativity Camps, Corporate Learning oder Work Life Camps.

Alle gesammelten Fotos der Teilnehmer findet ihr hier: http://eventifier.co/event/bcka

7 Kommentare
    • Leonie Blume
      Leonie Blume sagte:

      Ich hoffe der Geek war OK 🙂 Wollte meinen Erfahrungsbericht so plastisch wie möglich für die machen, die noch nie was von Barcamps gehört haben. Oder denken, das sei eine Mischung aus Sangria und Zelten. Ihr habt das auf jeden Fall fantastisch organisiert! Vielen Dank noch einmal.

      Antworten
  1. Avatar
    Peter Jensen sagte:

    Klingt ja ganz nett. Ging es bei diesem „Barcamp Renewables“ eigentlich auch in irgendeiner Form um Energie?

    Oder hab ich da was falsch verstanden?

    Antworten

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