Kunst und Energie für eine nachhaltige Zukunft

Von Christoph Schösser (Gastbeitrag) am 20. Juli 2012 in der Kategorie Verantwortung mit 2 Kommentare
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Interview mit Prof. Dr. Beckenbach, Fachgebiet für Umwelt- und Verhaltensökonomik an der Universität Kassel, über die dOCUMENTA, Kassel und die Bedeutung der Erneuerbaren Energien für die wirtschaftliche Entwicklung von Staaten.

 

Alle fünf Jahre verändert sich Kassel während der Zeit der dOCUMENTA. Ein internationales Flair weht durch die Stadt. Wie nehmen Sie die dOCUMENTA-Zeit wahr?

Ich lebe in dieser Zeit auf. Ich finde, dass sich die Stadt Kassel in dieser Zeit von  einem Oberzentrum (wie man in der Regionalforschung sagt) zu einer Metropole entwickelt. Man hört viele Menschen Englisch sprechen, die kulinarische Kultur und das ganze Flair ist dann besonders. Es ist doch ein bisschen anders als üblicherweise in Kassel und ich erlebe es als etwas, was ich mir dauerhaft wünsche.

 

Würden Sie mir also zustimmen, dass Kassel durch die dOCUMENTA auch frische Energie tankt?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man an dieser Stelle einen sehr breiten Energiebegriff zu Grunde legt. Wie gesagt die Stadt wandelt sich, doch leider wirkt sich dies nicht langfristig auf das Kulturangebot aus. Im Klartext bedeutet dies, dass die nächsten fünf Jahre in dieser Richtung erst mal wieder ein wenig tote Hose sein wird.

 

SMA ist in diesem Jahr erstmals Sponsor der Kunstausstellung. Im Rahmen dieses Engagements hat sich das Unternehmen für eine Kampagne unter dem Motto „Energie ≠ Kunst?“ entschieden. Was würde Ihnen spontan dazu einfallen?
Prof. Dr. Beckenbach

Prof. Dr. Beckenbach

Man könnte ja sagen, das Gemeinsame ist, dass nutzbare Energie und Kunst produziert werden müssen. Beide fallen ja nicht vom Himmel. Das ist einmal im technischen und einmal im künstlerischen ein delikater Produktionsakt. So könnte man eine grundlegende Gemeinsamkeit beschreiben. Meines Erachtens hört dann aber auch schon die Gemeinsamkeit auf.

 

Können Sie das bitte etwas genauer beschreiben? Was sind die elementaren Unterschiede, die für Sie eine Gemeinsamkeit grundsätzlich ausschließen?

Zum Beispiel wüsste ich nicht, dass es im Bezug auf Kunst so etwas wie einen Erhaltungssatz gibt. Es gibt aber einen Energieerhaltungssatz. Dies bedeutet, dass keine Energie verloren geht. Das kann man von der Kunst leider nicht behaupten. Kunst kann verloren gehen. Es können Kunstwerke aber auch Eindrücke, die man mal hatte, verloren gehen. Das ist dann doch wesentlich flüchtiger als das bei Energie u. U. der Fall ist.

 

Versuchen wir nun diese etwas abstraktere Denkweise auf Ihr Fachgebiet, die Nachhaltige Wirtschaftspolitik, zu übertragen. Wir befinden uns zur Zeit in einer doppelten Krise. Nicht nur die Geld- und Warenkreisläufe sind enorm gestört, sondern auch unser Ökosystem ist in großem Maße aus den Fugen geraten. Denken Sie, dass Kunst und Energie helfen können, Lösungswege aus dieser Situation zu finden?

Das müsste man für beide getrennt diskutieren. Mir fällt es schwer sich vorzustellen, dass Kunst einen Beitrag leisten könnte, diese zum Teil recht komplizierten Zusammenhänge aufzuklären. Vielleicht eher, dass sie als Ablenkungsinstrument fungiert, indem man sich daran erfreuen kann. Was natürlich von Leuten, die von der Wirtschaftskrise betroffen sind, nicht unbedingt so rezipiert wird. Wenn man wirklich den Arbeitsplatz verliert, egal in welchem Sektor, ist es verständlich, dass man sich keinen Picasso aufhängt, um sich an diesem zu erfreuen.

 

Wie sieht es aber mit Energie aus?

"Energie liefert zentralen Lösungsbeitrag für den Klimawandel" - Prof. Dr. Beckenbach im Interview

„Energie liefert zentralen Lösungsbeitrag für den Klimawandel“ – Prof. Dr. Beckenbach im Interview

Was Energie angeht, müsste man sich mal unterhalten, welche Dimensionen von Krise Sie ansprechen. Wie Sie bereits erwähnt haben, muss man unterscheiden, in welchen Bereichen sich die sogenannte Krise äußert. Das eine ist eher der Bereich der ökonomischen Institutionen, in Form des Finanzmarktes, und das andere ist der Bereich, wir nennen es mal Klimawandel. Das sind zwei Dinge, die sich auf den ersten Blick an zwei völlig unterschiedlichen Plätzen abspielen, wo ganz verschiedene Lösungsansätze diskutiert werden. Auf den zweiten Blick stehen sie aber in engem Zusammenhang. Verbindungen bzw.Auswirkungen des einen Bereiches auf den anderen lassen sich allerdings hier nur schwer darstellen. Um jedoch den zweiten Teil Ihrer Frage zu beantworten, was bedeutet Energiegewinnung für die Krisenbewältigung, muss man deutlich sagen, dass der Energiekonsum ein zentraler Hebel des Klimawandels ist. Es muss versucht werden, völlig andere Energiegewinnungs- und Nutzungsmuster zu initiieren. Wir müssen uns fragen, welche Energie wollen wir nutzen? Wo soll diese herkommen und wie darf sie genutzt werden? Sobald wir in diesen Punkten weiterkommen, kann die Energie einen ganz zentralen Lösungsbeitrag für den Klimawandel liefern. Ob dadurch aber auch die Finanzkrise gelöst werden kann, wage ich zu bezweifeln.

 

Könnten aber nicht gerade Investitionen in regenerative Energien in Krisenländern, wie bspw. Spanien, Portugal, Griechenland oder auch Italien ein möglicher Weg aus der Krise sein? Nicht nur als Wirtschaftsmotor gesehen sondern auch um die Abhängigkeit von fossilen Energien zu reduzieren?

Richtig, das Stichwort in diesem Zusammenhang ist EERP (Ecological Economic Recovery Program). Ähnlich wie der Marshallplan nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland. Ziel muss es sein, Länder nicht nur finanziell zu sanktionieren, sondern ihnen auch realökonomisch wieder auf die Beine zu helfen. Denn es geht nicht nur um Sparen, sondern auch darum, den Ländern Entwicklungspfade aufzuzeigen. Die Lösung in diesem Zusammenhang liegt auf der Hand. Wie von Ihnen angesprochen, muss man sich nur daran orientieren in welche Richtung die technologischen Trends gehen und der Klimawandel ist ebenfalls allgegenwärtig. Die Potentiale der Wind- und Sonnenergie sind in vielen betroffenen südlichen Ländern offensichtlich, doch es scheitert scheinbar an Kapitalgebern und an der ideologischen Verbissenheit mancher Politiker. Ein Programm wie das EERP könnte sowas anstoßen. Außerdem würde es eine ganz neue Note in der politischen Diskussion erzeugen.

 

Zum Abschluss würde ich gerne nochmal das SMA Motto „Energie ≠ Kunst?“ aufgreifen. Würden Sie zustimmen, dass die Energiegewinnung der Zukunft einen besonderen künstlerischen Einsatz verlangt?

Ich finde eher das Ungleichheitszeichen richtig. Es gibt schon eine künstlerische Eigenlogik, die man respektieren sollte, wenn man vorschnelle Analogisierungen macht. Ich habe großen Respekt vorm kreativen Schaffensakt. Allerdings geht es im diskutierten Zusammenhang eher um Wahrnehmungsintelligenz sowie Problemlösungsintelligenz. Das ist eine gewisse Kunst, aber diese Art von Kunstfertigkeit ist viel zu wenig ausgebildet. Diese sollte mehr geschult werden. Man sollte es vielleicht die Anreize dafür verbessern, dass die Menschen zu einer Ausstellung gehen. Wahrnehmen lernen. Denn das, was wir jetzt diskutiert haben, hat ja auch damit zu tun, dass sehr schnell solche ideologischen Scheuklappen aufgesetzt werden. Mit Kunst kann man vielleicht eine Verbindung herstellen bzw. etwas öffnen. Da steht etwas vor mir, ein Objekt oder eine Leinwand und man sagt: was ist das denn jetzt? Was bewirkt das denn bei mir? Was regt es an? Sehe ich dort etwas, was ich früher noch nicht gesehen habe. Diese Dinge fallen in dieser sehr marktwirtschaftlich dominierten Welt ein bisschen runter, obwohl sowas auch zu einer kreativen Marktwirtschaft dazu gehört. In diesem Sinne könnte die Kunst wirklich eine öffnende Funktion haben. Einfach mal den Geist zu lockern, um über den Tellerrand gucken zu können.

 

Herr Prof. Dr. Beckenbach, vielen Dank für das Gespräch.
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Der Autor

Christoph Schösser (Gastautor)

Christoph studiert International Economics und arbeitet gerade als Praktikant im Team Corporate Social Responsibility. In seiner Freizeit spielt er gerne Fußball und engagiert sich bei Viva con Aqua.

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2 Kommentare

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    Qendresa

    6. August 2012 um 13:48

    Die documenta verfolgt viele verschiedene künstlerische Ansätze und grade diese Vielfältigkeit macht sie so besonders. Für Kassel wirkt diese Ausstellung wie eine Verjüngungskur. Und das hatte die Stadt auch wirklich mal nötig!

    Antworten »
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    Lore Klipp

    24. Juli 2012 um 10:43

    Für mein Empfinden lädt diese documenta ausdrücklich dazu ein, den Kopf deutlich in Bewegung zu setzen und bietet dazu vielfältige Ansätze: die künstlerischen Beiträge zum übergreifendenThema Umgang mit Zersrörung und Wiederaufbau zeigen deutlich, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, mit Fehlern umzugehen, dass wir aus ihnen lernen können, dass wir anders mit Themen umgehen können. Dass Achtsamkeit im Umgang mit Themen Vielfalt zuläßt, unterschiedliche Wege ermöglicht. Allerdings muss man sich auf das, was es zu sehen und zu erfahren gibt, einlassen und sich Zeit darür nehmen…

    Antworten »

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